Montag–Mittwoch, 09.–11. Oktober 2023
TU Berlin / Deutsches Architektur Zentrum AZ

Die Konferenz ist Teil des Ausstellungsprojekts SPACES OF SOLIDARITY.


Die dreitägige internationale Konferenz SOLIDARITÄT IN DER MIGRATIONSGESELLSCHAFT des Forschungsprojekts TRANSFORMING SOLIDARITIES. PRAKTIKEN UND INFRASTRUKTUREN IN DER MIGRATIONSGESELLSCHAFT thematisiert die Notwendigkeit und die Bedingungen von Solidarität. Sie nimmt ihre praktischen und infrastrukturellen Aushandlungen, Ermöglichungen und Verhinderungen in den Blick.

Zwei Keynotes und fünf Panels laden dazu ein, die verschränkten Krisen der Gegenwart im Hinblick auf skalierbare Alternativen zu diskutieren: In welcher Hinsicht stärken kollektive Praktiken der Solidarität und gemeinwohlorientierte Formen des Zusammenlebens die Demokratie von unten? Welche Modi der Übersetzung existieren zwischen Theorie und Praxis sozialen Wandels? Und welche Zusammenhänge bestehen zwischen solidarischen Praktiken im Lokalen, gesamtgesellschaftlichen Dynamiken sowie den globalen Verflechtungen von Logistik und menschlicher Mobilität?


PROGRAMM

Montag, 9. Oktober 2023
Ort: Technische Universität Berlin, Architekturgebäude Hörsaal A151, Straße des 17. Juni 152, 10623 Berlin

18.30 Uhr | Demokratie jenseits des Demos
Opening Keynote und Gespräch mit Wendy L. Brown, Robin Celikates, Hanna Meißner

Wie überschneidet sich die Krise der fossilen Moderne (Klimawandel, Artensterben, verschmutzte Böden und Gewässer) mit den Krisen der konstitutionellen repräsentativen Demokratie (zunehmende Autoritarisierung, Verdrängung durch das Finanzkapital, Erschöpfung der Form)? Welche neuen Solidaritäten zwischen menschlichem und nicht-menschlichem Leben werden durch diese sich überschneidenden Krisen aufgerufen? Der Vortrag untersucht dieses Problem auf theoretischer und konkreter Ebene, wobei letztere durch Überlegungen zu den Auseinandersetzungen um ›Cop City‹ adressiert wird, dem militarisierten Polizeiübungsplatz, der angrenzend an arme, Schwarze Viertel in einem Wald außerhalb von Atlanta, Georgia in den Vereinigten Staaten errichtet werden soll. Sie reflektiert über die Solidarität, die nötig ist, um sich dem Projekt zu widersetzen, im Verhältnis zu der Solidarität, die hinter dem Projekt steht.
Im Gespräch mit Robin Celikates und Hanna Meißner, zwei Forschenden im Transforming Solidarities Verbund, diskutiert Brown die Möglichkeitsbedingungen und Verhinderungen von Solidarität als einer politischen Kraft inmitten von folgenschweren Verschiebungen in der globalisierten Wirtschaft und Geopolitik des Neoliberalismus.

Dienstag, 10. Oktober 2023
Ort: Deutsches Architektur Zentrum DAZ

14.00 Uhr | Räume der Solidarität
Inputs und Diskussion mit Moritz Ahlert, Anna Steigemann, Johanna Hoerning, Daniel Diekmann, moderiert von Anna Steigemann

Solidarität braucht Räume, um erfahrbar zu werden. Beispiele sind alternative Wohnmodelle, Gesundheitskollektive oder Nachbarschaftszentren. Aus sozialen Praktiken entstehen offene, kollektive und nicht-kommerzielle Räume, in denen ein solidarisches Miteinander wirksam wird. Sie helfen, Vereinzelung zu überwinden und neue unterstützende Beziehungsweisen zu erproben. Die Notwendigkeit dafür haben die Pandemie, aber auch die Flucht vor dem Krieg erneut gezeigt. Das Panel nähert sich – im Anschluss an die Ausstellung Spaces of Solidarity – dem Thema Solidarität von seiner räumlichen Dimension. Anna Steigemann stellt anhand von Fallbeispielen Thesen zu Räumen der Solidarität vor. Moritz Ahlert reflektiert anhand des Kiosk of Solidarity über die Räumlichkeit solidarischer Praktiken und Infrastrukturen in Berlin. Johanna Hoerning und Daniel Diekmann erweitern anhand ihrer eigenen aktivistischen und forschenden Arbeit den Problemaufriss zu den Möglichkeiten und Grenzen von solidarischen Räumen.

16.00 Uhr | Globale Zirkulation, gesellschaftliche Reproduktion und die Notwendigkeit neuer Solidaritäten
Keynote und Diskussion mit Brett Neilson und Responses von Moritz Altenried, Seda Gürses, Bernd Kasparek, moderiert von Manuela Bojadzijev

Woher kommt der Bedarf an neuen Praktiken und Infrastrukturen der Solidarität? Heute, nach der Pandemie, ist klar, dass die tiefgreifenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte die Fähigkeit der Nationalstaaten geschwächt haben, die Produktion und soziale Reproduktion innerhalb ihrer Territorien zu organisieren. Globale Prozesse, die Digitalisierung und die weltweite Mobilität von Menschen haben zu einer logistischen Neuorganisation der Produktion über verschiedene Lieferketten und geografische Maßstäbe hinweg geführt. Die Nationalstaaten sehen sich zunehmend mit der Frage konfrontiert, inwieweit sie in der Lage sind, Warenströme zu orchestrieren und logistische Netzwerke auf globaler Ebene zu koordinieren. In ihrem demnächst erscheinenden Buch The Rest and the West bringen Sandro Mezzadra und Brett Neilson dieses Dilemma mit der sich verändernden geopolitischen Dynamik und der Krise der sozialen Reproduktion in Verbindung. Die doppelte Auswirkung von verschärften globalen Konflikten und knappen Ressourcen für die Erhaltung von Arbeit, Leben und Umwelt machen es schwierig, sich eine Rückkehr zum national-sozialen Wohlfahrtsstaat vorzustellen. Diese Umstände erfordern neue Konzepte, Praktiken und Infrastrukturen der Solidarität. In seiner Keynote erörtert Brett Neilson diese Situation und ihre Auswirkungen auf die soziale Reproduktion. Moritz Altenried, Seda Gürses und Bernd Kasparek knüpfen daran mit weiterführenden Fragen zu Arbeit, IT-Infrastrukturen und Migration an.

18.00 Uhr | Solidarität? Warum nicht?
Input und Diskussion mit Robin Celikates, Verónica Gago (virtuell), Stephan Lessenich, moderiert von Christan Schmidt

Krisen und Katastrophen stören gesellschaftliche Abläufe und bedrohen Leben, ganz konkret vor Ort, aber auch im globalen Maßstab. Solidarität scheint darauf eine weit verbreitete und natürliche Antwort zu sein. Bei näherer Betrachtung werden jedoch die Zweideutigkeiten und Grenzen der Solidarität deutlich. Anhaltende Katastrophen im Globalen Süden oder die hohe Zahl an Todesopfern auf den zentralen Migrationsrouten werden mit beiläufiger Ignoranz zur Kenntnis genommen. Dies ist nicht die Folge eines pauschalen Mangels an Empathie oder eines unzureichenden moralischen Verständnisses. Grenzregime und wirtschaftliche Wettbewerbsmuster sind wirksame soziale Mechanismen, die die Solidarität im Alltag untergraben. Sie schaffen Ausgrenzung und gesellschaftliche Spaltungen. Soll Solidarität nicht als Wohltätigkeit oder moralische Reaktion missverstanden werden, dann ist es wichtig, die Hindernisse genau zu kennen, die solidarischem Handeln im Weg stehen. Das Panel widmet sich den Gründen für den Mangel an Solidarität und diskutiert Strategien zu deren Überwindung. Warum ist es so schwierig, Solidarität über Grenzen hinweg zu organisieren? Helfen neue Konzepte einer vertieften und globalisierten Demokratie?

Mittwoch, 11. Oktober 2023
Ort: Deutsches Architektur Zentrum DAZ

14.00 Uhr | Politisierte Gesundheitsversorgung
Problemaufriss, Kurzimpulse, Diskussion, Q&A mit Ulrike Kluge, Panthea Lee, Usche Merk, Kirsten Schubert, moderiert von Asita Behzadi

Gesundheit ist nicht allein das, was im Krankenhaus oder in der Ambulanz wiederhergestellt wird. Gesundheit ist vielmehr in komplexe Spannungsfelder sich zum Teil widersprechender Anforderungen eingewoben: eine ökonomisierte und individualisierte Gesundheitspolitik, eine medizinalisierte und ethisch-moralisch verhandelte Gesundheitsversorgung sowie eine Ungleichverteilung des Zugangs und der Teilhabe in einem als solidarisch konzipierten Gesundheitswesen. Zu Beginn des Panels stellt Ulrike Kluge eine Kasuistik vor, welche die psychosoziale Versorgung von Geflüchteten über alle drei Felder Arbeiten, Wohnen und Gesundheit hinweg kontextualisiert. Kurzimpulse von Usche Merk, Panthea Lee und Kirsten Schubert erweitern den Problemaufriss. Gemeinsam diskutieren wir: Welche Gelingensbedingungen und welche Leerstellen solidarischer Infrastrukturen und Praktiken zeigen sich im Feld Gesundheit; und wie sind darin individuelle und kollektive Vulnerabilitäten adressiert?

16.00 Uhr | Feministische Zukünfte der Solidarität
Inputs, Diskussion und Q&A mit Carly Bagelman, Jen Bagelman, Céline Barry, Jennifer Kamau, Llanquiray Painemal, Susanne Schultz; Gespräch mit Hanna Meißner und Veronika Zablotsky

Neokoloniale Enteignung, Krieg und Vertreibung spielen eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung von patriarchalen, rassistischen und klassenbezogenen Hierarchien und Ausbeutungsstrukturen. Insbesondere während der Covid-19-Pandemie hat die neoliberale Individualisierung und Privatisierung der sozialen Reproduktion bereits bestehende soziale Ungleichheiten spürbar verschärft und vertieft. Die anti-rassistische feministische, queere, und migrantische Selbstorganisierung in sozialen Bewegungen und Kampagnen stellt sich diesem Status Quo entgegen und baut Gegenmacht auf. Das Zuhören und Lernen von dieser aktivistischen Wissensproduktion ist Voraussetzung für sinnvolle strukturelle Reformen für reproduktive Gerechtigkeit und eine lebbare Zukunft für alle. Wie dies gelingen könnte diskutieren Céline Barry und Jennifer Kamau, Susanne Schultz und Llanquiray Painemal, Jen und Carly Bagelman sowie Veronika Zablotsky und Hanna Meißner von Transforming Solidarities auf diesem Panel zu den feministischen Zukünften der Solidarität. Wie kann Solidarität emanzipatorisch wirken, und welche problematischen Dynamiken und Fallstricke sind zu beachten? Welche Bündnisse – staatlich oder nicht-staatlich, informell oder institutionalisiert – sind jetzt nötig, um strukturelle Ungerechtigkeit auf gesamtgesellschaftlicher und planetarischer Ebene zu überwinden?

18.00 Uhr | Solidarität in der Migrationsgesellschaft
Abschlussdiskussion und Q&A mit Manuela Bojadzijev, Stefan Gosepath, Sabine Hark, Serhat Karakayali, moderiert von Bernd Kasparek und Ulrike Kluge

Im Abschlusspanel wollen wir die möglichen Transformationen der Solidarität und die notwendigen Solidaritäten in unseren sich wandelnden Gesellschaften in den Blick nehmen. Angeregt durch die vorangegangenen Panels der Konferenz möchten wir uns mit konkreten und zentralen Fragestellungen auseinandersetzen: Welche Infrastrukturen werden für solidarische Praktiken benötigt? Inwiefern können solidarische Praktiken in Infrastrukturen überführt werden? Wo liegen die Grenzen der Solidarität? Wie lässt sich der antagonistische Charakter der Solidarität erhalten? Wie können wir eine Offenheit bewahren, die nationalstaatlichen Homogenitäts- und Geschlossenheitsvorstellungen entgegentritt? Das Abschlusspanel versammelt Mitglieder und Partner*innen des Transforming Solidarities Konsortiums verschiedener Disziplinen und wird auch die Gelegenheit bieten, Fragen aus dem Publikum und Reaktionen auf die letzten drei Tage auf die Bühne zu holen.


IMPRESSUM
Ausstellung und Konferenz sind Formate des Forschungsprojekts TRANSFORMING SOLIDARITIES in Zusammenarbeit mit ausgewählten Berliner Initiativen. Kuratorischer Leiter der kollektiv entwickelten Ausstellung ist Moritz Ahlert (Habitat Unit TU Berlin).

Das Forschungsprojekt wird durch die Berlin University Alliance im Rahmen des Main Call Exploration Projects SOCIAL COHESION gefördert und besteht aus 22 Angehörigen der Charité-Universitätsmedizin Berlin, Freien Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin und der Technischen Universität Berlin.

Der KIOSK DER SOLIDARITÄT entstand in Kooperation mit CONSTRUCTLAB und wird durch den Berliner Projektfonds URBANE PRAXIS gefördert.

Mit freundlicher Unterstützung durch das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Konferenz wird durchgeführt in Kooperation mit dem Deutschen Architektur Zentrum DAZ.

Mehr unter www.transformingsolidarities.net


BETEILIGTE

Projektteam
Moritz Altenried, Konstantin Atanassow, Asita Behzadi, Mathias Berek, Manuela Bojadzijev, Robin Celikates, Anujah Fernando, Stefan Gosepath, Sabine Hark, Judith Holz, Rahel Jaeggi, Bernd Kasparek, Ulrike Kluge, Hanna Meißner, Philipp Misselwitz, Christian Schmidt, Stefanie Schüler-Springorum, Anna Steigemann, Ronja Wagner, Antonia Welch Guerra, Veronika Zablotsky.

Redaktion Programmheft
Projektteam Transforming Solidarities

Grafik
Bureau Est

Verdolmetschung
Astrid Lilian Geese und Team

Veranstaltungstechnik
DAZ Efgan Fahrali, PCS Systems Sebastian Meyer, Felix Neubert

Fotografische Dokumentation
Monika Keiler

 

Fotos: © Monika Keiler

transformingsolidarities.net